Kultur
Mit einer Einwohnerzahl von über 221.000 (nach Angaben des Vanuatu Statistics Bureau 2006) vereint Vanuatu 113 verschiedene Sprachen und viele weitere Dialekte und zählt damit zu den kulturell vielfältigsten Ländern der Welt.
Diese beeindruckende Vielfalt an Sprachen ist das Ergebnis kontinuierlicherer Zuwanderungen aus den verschiedensten Pazifikstaaten in den vergangenen 3000 Jahren.
Der Hauptanteil der Bevölkerung kam aus Melanesien, wobei auch die größeren, hellhäutigeren Polynesier sich auf den Inseln nieder ließen.
Wie in allen Völkergruppen kam es auch zwischen diesen Gruppen zu Auseinandersetzungen, welche kulturelle Änderungen mit sich brachten. Neue Siedler brachten neue Rohstoffe und so begann der Import von Nutzpflanzen, Setzlingen und Tieren. Das Schwein birgt einen wichtigen Aspekt des Lebens, da es nicht nur als Nahrungsquelle dient, sondern vielmehr als Zeichen für Wohlstand und Macht steht und somit ein wichtiger Eckpfeiler des kulturellen Lebens ist.
Über die Jahrtausende wurden viele Bevölkerungsgruppen durch natürliche Grenzen, wie größere Gewässer, dichter Dschungel oder Gebirgslandschaften, voneinander isoliert, was nicht nur zu Spannungen führte, sondern auch zur Entwicklung differenzierter Gesellschaften und politischer Systeme.
Heute lässt sich das Land in vier kulturelle Hauptgebiete unterteilen.
In den nördlichen Regionen existieren zwei Varianten einer sozialen und politischen Gesellschaft, in der Männer und Frauen Statuspositionen „kaufen“ können. Wohlstand in Form von Matten und Schweinen, insbesondere Schweine mit abgerundeten Hauern zeigt nicht wie viel jemand besitzt, sondern viel mehr ist es ein Nachweis, wie viel er geben kann. Auch wenn der Status einer Person respektiert und durch Körperdekorationen öffentlich zur Schau gestellt wird, ist mit ihm keine wirkliche Autorität verbunden.
In den zentralen Regionen dominieren dagegen polynesische Klassensysteme, in denen durch Erbfolge bestimmte Häuptlinge als mächtige Autoritätsfiguren über Adelige und Bürger herrschen.
Auf den südlichen Inseln, insbesondere auf Tanna, bekommen bestimmte Männer Titel oder Namen verliehen, die sie als Häuptlinge kennzeichnen. Ihr Status gibt ihnen ein Recht auf Land oder sogar auf die Besitzungen ganzer sozialer Gruppen. Frauen haben hier einen sehr niedrigen Status während sie auf Ambae und den Shepherds die Position eines Häuptlings erreichen können.
Das Leben auf allen Inseln ist durch einen konstanten Kreislauf ritueller Ereignisse geprägt. Jeder Anlass im Leben eines Menschen wird mit Großfamilien gefeiert, die nicht selten 100 Mitglieder oder mehr umfassen, da Verwandtschaftsverhältnisse über viele Generationen zurückverfolgt werden. Geburt, Beschneidung und Initiation, das Erreichen eines Status sowie Heirat und Tod zählen zu den wichtigsten Bestandteilen des sozialen Lebens einer Gemeinschaft. Eine wichtige Rolle im sozialen Leben eines Dorfes spielen Erzählungen, Lieder, Tänze und die Kunst von Köperdekorationen eine wichtige Rolle, da hier die Geschichte an die nächste Generation weitergegeben wird. Weiterhin dienen auch aufwendige Masken, Hüte und Schnitzereien zur Überlieferung.
Ähnlich den Traumzeit-Legenden der australischen Aborigines und den Legenden der Maori ist auch die ni-Vanuatu-Kultur reich an mythischen Erzählungen. Natürliche Formationen, vulkanische Eruptionen und andere Naturkatastrophen werden mit Legenden von größter kultureller Bedeutung belegt. Noch heute werden Naturereignisse nicht auf Plattenverschiebungen oder Zyklone zurückgeführt, sondern auf den Einfluss von Einzelnen, die mit ihren Aktionen die Geister der Ahnen verletzt haben. In der Vergangenheit haben diese Vorstellungen zu Feindseligkeiten zwischen Dörfern und ganzen Inseln geführt, die oft in Kriegen mündeten (ein klassisches Beispiel ist der Ausbruch des Ambrym-Vulkans 1913).
Die Wirtschaft der traditionellen Gesellschaft basiert auf landwirtschaftlichen Erträgen. Zu den Hauptnahrungsmitteln zählen Hackfrüchte, Süßkartoffeln, Taro, Maniok und Saisonale Früchte wie die Brotfrucht. In vielen Regionen werden Teile des Regenwaldes gerodet, um Platz für neue Anbauflächen zu schaffen. Wo jedoch genügend Wasser vorhanden ist, wird Taro auf komplexen, aus Erde und Felsgestein gefertigten Terrassen gepflanzt. Höchste wirtschaftliche Priorität haben nach wie vor die Schweine, da wie bereits erwähnt, diese nicht nur als Nahrungsquelle, sondern auch als Form von Reichtum und Prestige eine wichtige Funktion erfüllen.
Die Wirtschaft eines Dorfes spielt nicht nur eine wichtige Rolle für das Überleben der Bevölkerung, sondern ist auch Bestandteil ihrer komplexen Rituale. Eines der besten Beispiele sind die Beschneidungszeremonien. Auf einigen Inseln müssen die Mütter zunächst die Onkel ihrer zu beschneidenden Söhne „bezahlen“. Anschließend werden die Jungen für mehrere Wochen oder Monate in den Busch gebracht, wo sie in die Männerwelt eingeführt und beschnitten werden. Ab diesem Moment laufen sie nicht mehr nackt herum, sondern tragen einen Penisschutz. Das Entgelt für die Onkel besteht aus Schweinen, Matten, Tänzen und Früchten und kann erst geleistet werden, wenn die Mütter genügend Reichtum angehäuft haben.
In Jahren nach Naturkatastrophen wie zum Beispiel Vulkanausbrüchen (saurer Regen kann die Pflanzen erheblich schädigen) oder Zyklonen kann es daher passieren, dass Jungen das Erwachsenenalter erreichen, ohne beschnitten worden zu sein. Sie werden dann weiter wie Kleinkinder behandelt bis ihre Mütter wieder über genügend Schweine und Früchte verfügen, um den Beschneidungspreis zahlen zu können.
Ein wesentlicher Bestandteil der Kultur Vanuatus ist die Kava, eine Pflanzenart aus der Familie der Pfeffergewächse. Bei der traditionellen Zubereitung werden die Pflanzen geschnitten, zu einem Brei gekaut und in eine Schüssel gespuckt. Anschließend wird der Brei gepresst und die sich ergebende Flüssigkeit getrunken. Auf einigen Inseln dürfen Männer und Frauen Kava als Schlaftrunk nach einem Tag harter Arbeit genießen. Auf Tanna hat sich daraus ein exklusives Männerritual entwickelt. In der Zeit, in der die Männer Kava trinken, dürfen Frauen nicht an den nakamal´s (Häuser der Männer) vorbeigehen und werden mit Schlägen bestraft, wenn sie das Ritual zufällig sehen. Durch die lange Geschichte von Handelsbeziehungen zwischen den Inseln und zwischen den einzelnen Dörfern beherrschen viele ni-Vanuatu mehrere Sprachen. Seit der Ankunft der Europäer hat sich zudem eine Lingua Franca entwickelt. Ihr Name Bislama leitet sich von den Bech-der-mer (Seegurken) – Händlern ab. Da es sich im wesentlichen um eine phonetische Form des Englischen mit stark vereinfachter Grammatik handelt, können die meisten englischsprachigen Menschen diese Sprache verstehen, wenn sie langsam gesprochen wird.
Trotz der Einführung europäischer Lebensweisen, des katastrophalen Einflusses von Missionaren und Sklavenhändlern und der Entwicklung des Bislama zur Hauptverkehrssprache ist die kulturelle Vielfalt eine der Hauptattraktionen Vanuatus geblieben. Rituale, Verwandtschaftsverpflichtungen und traditionelle Zeremonien sind ein wesentlicher Bestandteil des modernen Lebens und können bei einem Aufenthalt auf einer der vielen Inseln Vanuatus aus nächster Nähe miterlebt werden. Darüber hinaus ist ein Besuch im National Museum & Cultural Center zu empfehlen. Ergänzend zu den vielen Masken und Schnitzereien, die Sie in den Shops erwerben können, werden hier beeindruckende antike Stücke, historische Photos und seltene Artefakte ausgestellt. Außerdem sind Audioaufnahmen und Videomitschnitte von kulturellen Ereignissen erhältlich.





